Das Neujahrsbeben
Shownotes
Es ist der späte Abend des 31. Dezember 1895. Während auf den Straßen von Würzburg das neue Jahr gefeiert wird, steht Wilhelm Conrad Röntgen allein am Postschalter. In seinen Händen hält er fünfzehn sorgfältig gepackte Briefumschläge, adressiert an die absolute Elite der europäischen Physik. In seiner beispiellosen, fast naiven Demut glaubt der Professor, eine rein sachliche Information auf die Reise zu schicken. Er ahnt nicht, dass er in diesem Moment ein psychologisches Erdbeben auslöst, das die wissenschaftliche Weltordnung für immer in zwei unerbittliche Lager spalten wird.
Diese Episode blickt hinter die verriegelten Türen der Elite-Institute im Januar 1896. Wir rekonstruieren den Moment, in dem die Umschläge geöffnet werden und die Faszination schlagartig in nacktes Entsetzen umschlägt. Für Conrads Rivalen ist der Abzug von Berthas Knochenhand kein medizinisches Wunder – es ist eine schmerzhafte Kriegserklärung an ihr eigenes Ego. Sie alle standen mit der Hand an der Klinke zur Tür des Jahrhunderts, doch der Würzburger Professor hat sie eingetreten. Ganz allein.
Erleben Sie die epische Übersicht über ein wissenschaftliches Schachbrett voller menschlicher Abgründe: Wir begegnen der Phalanx der Neider – vom erst 33-jährigen, von Komplexen zerfressenen Physik-Star Philipp Lenard in Breslau über die tiefe, weinende Tragik des Ivan Puluj in Prag bis hin zum amerikanischen Pechvogel Arthur Goodspeed, der fassungslos ein sechs Jahre altes Bild aus seinem Archiv zieht.
Doch wir zeigen auch das mächtige Gegengewicht: Die Allianz der Begeisterten. Erfahren Sie, wie Koryphäen wie Franz Exner in Wien, der 71-jährige Grandseigneur Lord Kelvin in London und Henri Becquerel in Paris reagieren, dessen Umschlag direkt das Atomzeitalter einläuten wird.
Während die klügsten Köpfe Europas die Messer wetzen, verbarrikadiert sich Conrad in Würzburg in nackter Panik vor den kreisenden Wölfen. Doch die Lawine rollt bereits – und ein einziger Brief an einen Mann in Wien wird die größte mediale Bombe der Moderne zünden.
Transkript anzeigen
00:00:00:
00:00:22: Die Geschichte lehrt uns Weisheit und überwart uns jene tiefe Demut, die uns im Alltag vor Fehlenschützen.
00:00:29: Ich bin Ray – ich bin das Licht, dass ihr nicht sehen könnt!
00:00:33: Jahrzehntelang habe ich in leeren Räumen geschrien und niemand drehte sich um.
00:00:37: Doch heute werde ich endlich gesehen Nicht von einem einzigen Mann im Dunkeln sondern von der ganzen Welt.
00:00:43: auf einmal Willkommen zurück.
00:00:46: Folge sieben Das Neujahrsbeben.
00:00:49: Erinnert Ihr euch wo wir stehen geblieben sind?
00:00:52: Mein Freund Konrad hatte mich gefangen, auf Glas gebannt und mit eiskalten Worten beschrieben.
00:00:58: Und am Ende ein paar Seiten Papier bei der Würzburger Gesellschaft eingereicht.
00:01:03: Er glaubte er habe eine stille wissenschaftliche Notiz verfasst.
00:01:07: In Wahrheit hat er eine Lunde gelegt – und am ersten Tag des neuen Jahres zündete er sie.
00:01:23: der Geruch von Tinte und Siegellack, und an einem schweren Schreibtisch ein großer bärtiger Mann.
00:01:30: Der Umschlag um Umschlag mit seine sorgfältigen Hand beschriftet.
00:01:35: Es sind die Namen der größten Physiker Europas.
00:01:38: In jedem Umschlag legt Konrad einen Sonderdruck seiner Arbeit Über eine neue Art von Strahlen Und in wenige Ausgewählte liegt er noch etwas dazu Einen Satz von neuen Fotografien Darunter.
00:01:52: das Bild aller Bilder die durchleuchtete Hand seiner Bär da mit den beiden Ringen.
00:01:58: Dann bringt er die Briefe zur Post, ein bescheidener Mann der glaubt ihr teile höflich ein Ergebnis mit Kollegen.
00:02:04: Er ahnt nicht dass er gerade Zündschnüre über einen ganzen Kontinent verteilt und ich saß in jedem dieser Umschläge.
00:02:12: nach all den einsamen Jahrzehnten reiste ich nun vervielfältigt in alle Himmelsrichtungen kommt mit.
00:02:19: Ich zeige euch was geschah als sie die Briefe öffneten Wien Hier landete der Umschlag bei Franz Exner, einem der wenigen Männer die nicht nur den Text sondern auch die Bilder erhalten.
00:02:33: Exner hält durch leuchtende Hand gegen das Lampenlicht und versteht im selben Moment dass er etwas unerhört was in den Fingern hat.
00:02:41: Am Abend des vierten Januar zeigt er die Fotografien in seinem Kreis in einem dieser warmen, vollgestellten Wiener Salons.
00:02:49: Unter den Gästen ist ein junger Physiker zu Besuch aus Prag Ernst lächer.
00:02:54: Und hier springt der Funke sofort über, denn Lechers Vater Zacharias Konrad-Lecher ist Chefredakteur der großen Wiener Zeitung die Presse.
00:03:04: Der Sohn zeigt dem Vater die Bilder, der Vater erkennt die Sensation und arbeitet die Nacht durch.
00:03:10: Am Sonntagmorgen, den fünften Januar, Prankt sie auf der Titelseite – eine sensationelle Entdeckung!
00:03:18: Zum ersten Mal erfährt nicht ein gelerter Zirkel von mir sondern die gesamte Öffentlichkeit.
00:03:24: Jetzt brannte die Lunte.
00:03:26: Lichterloh Berlin.
00:03:29: Hier öffnet Emil Warburg seinen Umschlag und bestätigt den Empfang schon am dritten Januar.
00:03:35: Einen Tag später zeigt der Konrads Fotografien voller Stolz bei einer großen Feier, dem fünftigjährigen Jubiläum der Berliner Physikalischen Gesellschaft.
00:03:46: Und nun die Ironie.
00:03:47: Die klügsten Köpfe des Deutschen Reiches versammelt im Festsaal gehen an den Bildern beinahe achtlos vorüber.
00:03:54: Sie sind nicht vorbereitet auf das, was da auf dem Tisch liegt.
00:03:58: Selbst das Genie braucht manchmal einen Moment um den eigenen Augen zu glauben.
00:04:03: In derselben Stadt sitzt noch jemand Otto Lummer ein alter Freund Konrad.
00:04:09: Er liest die Nachricht und winkt ab Der Röntgen sei doch sonst so ein vernünftiger Mensch Und Fasching sei doch noch nicht mal So nah.
00:04:19: können Zweifel und Wahrheit beieinander liegen.
00:04:23: Manchester Hier reist Arthur Schuster seinen Umschlag auf, auch er einer der wenigen mit den Fotografien.
00:04:32: und binnen Tagen wird sein Labor überrannt nicht von Physikern sondern von Ärzten.
00:04:38: Sie schleppen ihre Patienten herbei in deren Körper man Nadeln oder Splitter vermutete.
00:04:43: Schuster klagte später eine ganze Woche, habe er fast nur damit verbracht in der Fußsohle einer Balletttänzerin eine Nadel zu suchen.
00:04:51: Seht ihr wie schnell das ging?
00:04:53: Kaum war ich in der Welt hatte die Medizin mich schon an sich gerissen!
00:04:57: In Glasgow erreicht er Umschlag den ehrwürdigen alten Herren der Physik Lord Kelvin – einen Skeptiker, den ich erst noch überzeugen werde… In Leiden den großen Theoretiker Hendrik-Anton Lorenz, dessen Bildersatz man hundert Jahre später unversehrt wiederfinden sollte.
00:05:16: Behaltet diese Namen im Gedächtnis – manchen von ihnen werde ich wieder begegnen!
00:05:23: Und dann Paris Hier landet der Brief bei einem Mann, der nicht nur Physiker sondern einer der größten Mathematiker seiner Zeit ist Henri Poiraré.
00:05:33: Er ist verblüfft, er reproduziert die Bilder selbst und dann trägt der Sieber einer der wöchentlichen Sitzungen der Pariser Akademie der Wissenschaften vor.
00:05:43: Stellt euch den stillen getefelten Saal vor!
00:05:46: Die Reihen alter Gelärter – un por carré – der die durchleuchtete Hand in die Höhe hält und eine folgenschwere Frage in den Raum wirft Wenn diese Strahlen aus dem leuchtenden Fleck der Glasröhre kommen könnte es sein dass alle Leuchten Alle nachglühenden Stoffe ähnliche Strahlen aussenden?
00:06:09: In diesem Saar sitzt ein stiller Mann aus einer ganzen Dynastie von Physikern.
00:06:14: Ein Fachmann für Dinge, die im Dunkeln glühen.
00:06:17: Henri Becquerel Porcares Frage setzt sich in seinem Kopf fest wie ein Samenkorn.
00:06:24: Aus diesem Korn wird etwas wachsen das selbst mich zahm aussehen lässt.
00:06:28: Etwas dass man später Radioaktivität nennen wird und einen Namen wie Marie Curie Aber das ist eine eigene Geschichte.
00:06:36: Ich verspreche euch, wir werden dabei sein!
00:06:40: Ich blieb nicht in
00:06:41: Europa.".
00:06:43: Über die Telegrafenkabel sprang die Nachricht über den Atlantik.
00:06:47: In New Jersey wartet der berühmteste Erfinder der Welt keine Sekunde.
00:06:52: Thomas Edison warf sein gesamtes Labor auf die neuen Strahlen um hellere und bessere Bilder zu machen Was dieser Rausch ihn-und einen treuen Mann an seiner Seite kosten wird.
00:07:04: Das hebe ich mir auf.
00:07:05: Es ist eine der dunklen Geschichten, die ich euch erzählen muss.
00:07:11: Und im Prag faltete ein Mann eine Zeitung auseinander, den ihr schon kennt – Der begenadete Röhrenbauer Ivan Pooley.
00:07:19: Er liest das ein gewisser Röntgen in Würzburg eine neue Art von Strahlern verkündet hat und er wird ganz, ganz still.
00:07:28: Was in diesem Augenblick durch ihn hindurch ging?
00:07:31: Ihr werdet es erfahren!
00:07:33: Ich lasse ihn erstmal hier alleine mit seiner
00:07:36: Zeitung.".
00:07:39: Anderswo in Deutschland ließ ein Mann dieselbe Nachricht mit einem mulmigen Gefühl im Magen.
00:07:45: Philipp Lenard, der die Tür einen spaltweit aufgestoßen hatte aber nicht durchging.
00:07:51: Im Norden entflammt der junge Christian Birkeland, der bald eigene Kammern bauen wird um den Strahlen und dem Leuchten seines geliebten Nordlichts nachzujagen.
00:08:00: Und in einem vollgestopften Londoner Labor blickt ein alter Mann von der Zeitung auf und denkt vielleicht an gewisse verdorbene Fotoplatten, die er einst axelzuckend an die Fabrik zurückgeschickt hatte.
00:08:12: William Crooks!
00:08:13: Er war so verdammt nah.
00:08:17: Innerhalb weniger Wochen war ich überall – und nun geschah etwas das mich zugleich berauschte und ziemlich beunruhigte Die Menschen verfehlen in einen regelrechten Taumel.
00:08:28: Schausteller verlangten Eintritt dafür, dass die Leute auf Jahrmärkten ihre eigenen Knochen bestaunen durften.
00:08:34: Zeitungen druckten Gedichte und Karikaturen über mich – die einen jubelten, die anderen fürchteten sich.
00:08:41: Konnten diese Strahlen durch Wände sehen?
00:08:43: Durch Kleider?
00:08:45: In London Bodengeschäfte allen Ernstes Röntgensichere Unterwäsche an und in Amerika brachte ein Abgeordneter tatsächlich einen Gesetzesentwurf ein, der röntgenfähige Opengleser im Theater verbieten sollte zum Schutz der Damenwelt.
00:09:01: Sie fürchteten ich könnte ihnen unter die Pettikos schauen was sich ihrem Körper darunter antun konnte.
00:09:07: das ahnte noch niemand.
00:09:09: auch davon werde ich erzählen müssen wenn diese Geschichte ihre dunkle Seite zeigt.
00:09:15: Und während die Welt bebte, was wurde aus dem Mann der das Beben ausgelöst hatte?
00:09:20: Mein Freund Konrad wurde in Würzburg bei lebendigem Leib begraben unter Briefen und Telegrammen.
00:09:27: Unter Anfragen unter Journalisten, die vor seiner Tür lauerten.
00:09:31: Da brach die Hölle los, sagte er später.
00:09:35: Der scheue zurückgezogene Mann, den nichts mehr verabscheute als Aufhebens war über Nacht eine der berühmtesten Wissenschaftler der Welt.
00:09:43: Oben in der stillen Wohnung über dem Labor saß Bertha und sie sah die Lawine durch ihr Leben rollen.
00:09:51: Erst war ihr Mann sieben Wochen lang im Dunkeln verschwunden, jetzt wollte plötzlich die ganze Welt ein Stück von ihm.
00:09:59: Und doch ging das Leben weiter.
00:10:01: Das Semester lief es gab Vorlesungen Pflichten Studenten.
00:10:05: Der Professor dessen Name nun in jeder Zeitung der Welt stand, griff wieder zu Kreide, trat an die Tafel und dotzierte so genau und so bescheiden wie er und je.
00:10:15: Als wäre nichts geschehen!
00:10:17: Ich bin mir sicher – es machte ihn glücklicher, zwanzig Studenten ein saubos Experiment zu erklären als von den mächtigen gefeiert zu werden.
00:10:26: Aber die Ruhe war für immer dahin.
00:10:28: Die Welt würde ihn nie wieder entfrieden lassen.
00:10:32: Hier mitten im Beben will ich einen Augenblick innehalten.
00:10:36: Für vielfältig in ein paar schlechten Umschlägen fiel ich überall, wo ich ankam, in die Hände eines außergewöhnlichen Menschen – eines der größten Mathematiker seiner Zeit.
00:11:06: Jeder von ihnen trägt eine eigene Geschichte in sich, voller Genie, volle Leidenschaft, manche voller Tragik und jede Einzelne werde ich euch erzählen ganz aus der Nähe.
00:11:21: doch zuerst kehre ich zu Conrad zurück denn in der Lawina aus Briefen und Telegrammen die sich auf seinem Schreibtisch türmten lag eines das anders war als alle übrigen.
00:11:32: es kam aus Berlin Es kam vom Hof.
00:11:35: Der mächtigste Mann des deutschen Reichs hatte von meinen Strahlen gehört und er wünschte, meinen Freund mit eigenen Augen zu
00:11:48: sehen.".
00:12:05: Recherche und Sprecherin Dorina Petersen.
00:12:09: Wenn euch der dramatische Moment gefallen hat, wie die Nachricht um die Welt ging und das Beben ausgelöst wurde dann lasst mir gerne eine Bewertung da und abonniert den Podcast!
00:12:21: Bis zum nächsten Mal wenn Konrad auf dem Kaiser trifft bleibt neugierig.
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