Die Schatten der Wahrheit

Shownotes

„Ich war schon da. Ich pulsierte durch ihre Räume. Aber ich war namenlos.“
​In dieser Episode führt uns „Ray“, die Stimme der Strahlung, mitten hinein in ein weltumspannendes wissenschaftliches Drama der verpassten Chancen. Es ist die Geschichte einer Kette von blinden Sehern. Geniale Köpfe auf der ganzen Welt hielten das Jahrhunderträtsel bereits in den Händen – und schoben es achtlos beiseite.
​Wir reisen nach Amerika zu Thomas Edison, nach Norwegen zu Kristian Birkeland, nach Russland zu Alexander Popow und nach Prag zu Ivan Puluj. Sie alle sahen die seltsamen, unerklärlichen Schwärzungen auf ihren Fotoplatten. Doch für sie waren es nur lästige Fehler, Ausschuss oder Störsignale ihrer Apparate. Gefangen in ihren eigenen Theorien und der Jagd nach Geistererscheinungen, übersahen sie die unsichtbare Revolution, die sich direkt vor ihren Augen abspielte.
​Diese Folge beleuchtet das tragische Phänomen, warum das Genie manchmal genau vor dem Ziel kapituliert, und wie die Angst vor dem Unbekannten den Blick vernebeln kann. Die physikalische Wahrheit war längst da, doch sie wartete im Verborgenen auf einen Mann, der keine Fehler duldete.
​Die Bühne ist bereitet für den Spätherbst 1895 in Würzburg.

Transkript anzeigen

00:00:00: Die Geschichte lehrt uns Weisheit und sie bewahrt uns jene tiefe Demut, die uns im Alltag vor Fehlern schützt.

00:00:52: nah an etwas Gewaltigem zum Stehen, die Hand schon fast daran und es nicht zu greifen.

00:00:58: Nicht aus Dummheit!

00:00:59: Diese Männer von denen ich euch heute erzähle waren keine Dummköpfe.

00:01:04: Es waren einige der klügsten Köpfe ihrer Zeit.

00:01:07: Und genau das macht es so bitter Denn ich war bei ihnen In ihren Laboren in ihre Nächten in ihren Apparaten Ich strömte durch ihre Hände, verschleierte ihre Platten, legte mich quer über ihre Tische So laut, wie ich nur sein konnte und doch hörte mich keiner.

00:01:28: Stellt euch vor ihr ruft in einen vollen Raum und niemand dreht sich um.

00:01:32: so habe ich mich gefühlt über Jahrzehnte gesehen und doch nicht erkannt.

00:01:38: kommt mit Ich zeige sie euch Einen nach dem anderen Wir schreiben... Er war einer der gefeiertsten Chemiker seines ganzen Jahrhunderts.

00:02:00: Lasst mich euch erzählen, warum?

00:02:02: Schon in den Sechzehnhunderteinundsechzig da war er noch keine Dreißig beugte er sich über ein damals brandneues Werkzeug das Spektroskop dass das Licht eines glühenden Stoffes in seine Farben zerlegt.

00:02:15: und in diesem Farbband sah Crooks etwas was vor ihm niemand gesehen hatte eine einzelne leuchtend grüne Linie Eine Linie, die zu keinem bekannten Element gehörte.

00:02:27: Er hatte einen neuen Grundstoff entdeckt – er nannte ihn nach dieser grünen Linie Talium vom griechischen Wort Talos den Grünen frisch spießenden Trieb.

00:02:39: Mit dieser Entdeckung schrieb er sich in die erste Reihe der Wissenschaft.

00:02:43: Anfang XXX wurde er in die alt-erwürdige Royal Society aufgenommen Und Crux war ein Mann der Wunderlinge.

00:02:51: Mitte der Achtzehnhundertsiegerjahre baute er ein kleines Glaskügelchen, in dem vier winzige Flügelchen auf einer Nadel sitzen.

00:02:59: Auf der einen Seite rußgeschwärzt und auf der anderen blank silbern.

00:03:04: Hält man dieses Glas ins Licht beginnen die Flügel sich zu drehen schneller und schneller wie ein winziges Schmühlenrad das von dem Licht selbst angetrieben wird Das Crux Radiometer.

00:03:16: Crux glaubte, er habe den Druck des Lichts höchstpersönlich eingefangen.

00:03:21: Bis heute stehen diese kleinen drehenden Glaskugeln in Museumsläden auf dem Fensterbänken und verzaubern die Menschen.

00:03:29: Vielleicht habt ihr selbst schon eines gesehen ohne zu wissen das es aus der Hand dieses Mannes stand?

00:03:35: Und er trieb das Vakuum weiter – weiter als jeder andere!

00:03:40: Seine Crux-Röhren wurden zum Standardwerkzeug einer ganzen Forschergeneration.

00:03:45: In genau diesen Röhren wurde ich wieder und wieder geboren.

00:03:49: Crux erschuf das Nest, aber er sah den Vogel nicht, der darin schlüpfte.

00:03:54: Denn dieser glasklare Verstand führte ein zweites Leben im Dunkeln!

00:03:58: Crux war ein überzeugter Spiritist Mitglied in berüchtigten Londoner Ghost Club.

00:04:04: Er war besessen von der Frage ob die Toten zu uns sprechen können.

00:04:09: In den Achtzehnhundertsiebzigerjahren untersuchte er mit dem ganzen Ernst seiner wissenschaftlichen Methode die berühmten Medien seiner Zeit.

00:04:18: Den Schotten Daniel Douglas-Home, der angeblich schweben konnte und vor allem die junge Florence Cook, die im abgedunkelten Raum eine leuchtende Gestalt herbeirief, die sie Katie King nannte.

00:04:31: Und Crooks, der nüchterne Entdecker eines Elements erklärte diese Erscheinungen für echt.

00:04:37: Der schärfste Beobachter seiner Generation, fest überzeugt er habe die Toten fotografiert.

00:04:45: Versteht ihr die Ironie, die ich da jede Nacht miterlebte?

00:04:48: Während er verzweifelt nach einem Geist aus dem Jenseits tastete, Nach irgendeinem Beweis einer unsichtbaren Welt Da spuckte ich längst in seinen eigenen Möbeln.

00:04:59: In einer finsteren Schublade lagerten seine unbelichteten Fotoplatten original verpackt und diese waren immer Wieder verschleiert, als hätte man sie ins Tageslicht gehalten.

00:05:11: Crooks hielt es aber für einen Fabrikationsfehler – er beschwerte sich beim Hersteller und schickte die verdorbenen Platten zurück.

00:05:19: Er suchte ein Gespenst und den einzigen echten Geist im Raum, mich!

00:05:23: Die reale unsichtbare Kraft verpackte er und schicke ihn als Ausschuss aus dem Haus.

00:05:29: Warum ein so kluger Mann ein halbes Leben im Dunkeln nach dem Toten suchte?

00:05:34: Was ihn dorthin trieb Das ist eine eigene, zutiefst traurige Geschichte.

00:05:39: Ich kehre zu ihm zurück und erzähle sie euch ganz.

00:05:42: Aber nicht heute!

00:05:43: Heute lasse ich ihn in seinem Labor zurück, gebeugt über seine Röhren... ...und reise

00:05:48: weiter."

00:05:49: Über den Atlantik nach Nordamerika.

00:05:51: Es ist der Zweiundzwanzigste Februar, Achtzehnhundertneunzig Fast sechs Jahre bevor ein Würzburg irgendetwas geschieht.

00:05:58: An der University of Pennsylvania in Philadelphia steht der Physiker Arthur Goodspeed knapp dreißig.

00:06:06: An jedem Abend ist ein Fotograf bei ihm zu Gast, William Jennings.

00:06:10: Ein Mann besessen davon das Unsichtbare auf die Platten zu bannen der mit Hochgeschwindigkeit elektrische Funken fotografierte.

00:06:19: Die beiden verbringen den Abend damit Funken und Crooks Röhren abzulichten Und dann am Ende passiert die Kleinigkeit.

00:06:26: an der Geschichte hängt Zwei Münzen bleiben rein zufällig auf einem Stabel verpackter Foto-Platten liegen gleich neben der Röhre.

00:06:35: Niemand denkt sich etwas dabei.

00:06:37: Als Jennings die Platten später entwickelt, sind da zwei kleine runde Schatten – Die scharfen Umrisse der Münzen mitten im Schwarz.

00:06:46: Die beiden Männer starren darauf.

00:06:48: wie um alles in der Welt soll Licht durch eine verschlossene Verpackung gedrungen sein?

00:06:52: Durch Holz und Pappe und ausgerechnet an den Münzen Halt gemacht haben!

00:06:58: Sie finden keine Erklärung.

00:07:00: sie hefteten die Platte als Fehlbelichtung ab und vergessen sie in einer Schublade.

00:07:06: Ich aber wusste genau, was sie da in den Händen hielten.

00:07:09: Sie hatten mein Porträt aufgenommen, mein vermutlich erstes auf amerikanischem Boden und sie nannten es einen Fehler.

00:07:18: Was Jahre später aus dieser einen vergessenen Platte werden würde, das erzähle ich euch.

00:07:23: wenn wir an jenen Punkt der Geschichte angekommen sind – noch ist es nicht so weit!

00:07:29: Reisen wir hinauf weit in die Norden an die Universität von Christiania.

00:07:34: ihr kennt die Stadt heute als Oslo.

00:07:37: Hier sitzt zu Beginn der Achtzehnhundertneunziger Jahre ein junger Norweger an seinen Apparaten, kaum Mitte zwanzig Christian Birkeland.

00:07:46: Ein Glüh in den Kopf verliebt ihn im Magnetismus und in die Polarlichter seiner Heimat, die den Winter Himmel in grünes Feuer tauchen.

00:07:54: Birke Land nimmt starke Magnete und hält sie an.

00:07:57: das Leuchten in der Röhre Und das Leucht gehorcht ihm.

00:08:00: Es biegt sich – es lässt sich ablenken.

00:08:03: Es folgt seinem Magnetfeld.

00:08:05: Damit beweist er, dass hier geladene Teilchen fliegen.

00:08:08: Er ist fasziniert von diesen Teilchen die er lenken und biegen kann wie an unsichtbaren Fäden!

00:08:14: Und genau darüber übersieht er das andere – jene zweite Kraft, die im selben Augenblick in den Raum geworfen wird und sich von keinen Magneten der Welt beirren lässt.

00:08:25: Mich Birkeland sieht nur was ich biegen lässt.

00:08:29: Das unbeugsamme entgeht ihm.

00:08:33: Tröstet euch mit BirkeLand bin ich noch lange nicht fertig.

00:08:37: Von seinem lebenslangen Tanz mit dem Nordlicht, von dem was er später noch vollbringen wird, erzähle ich euch ausführlich wenn seine Zeit gekommen ist.

00:08:47: Denn nun kommt der Mann, der mir vor allem am meisten ans Herz gewachsen ist.

00:08:51: Reisen wir nach Prag zu Ivan Poo-Louis.

00:08:54: Geboren wurde am zweiten Februar, im selben Jahr wie jener Mann in Würzburg, der dieser ganze Winter einmal gehören wird behaltet diesen Zufall im Kopf.

00:09:05: Zwei Männer, ein Geburtsjahr, ein ganzes Leben lang dieselbe Frage im Nacken.

00:09:11: Poulouis Weg ist einer der Erstaunlichsten die ich kenne.

00:09:14: Er kam aus Galizien und ging nach Wien um Theologie zu studieren – er sollte Priester werden!

00:09:21: Und jetzt halte durch fest, denn das wissen die Wenigsten.

00:09:24: Gemeinsam mit dem Dichter Pantilimon Kulisch schenkte dieser angehende Priester seinem Volk etwas dass es nie zuvor besessen hatte Die heilige Schrift in seiner eigenen Sprache.

00:09:37: Zuerst die Evangelien und dann das ganze neue Testament auf ukrainisch.

00:09:43: Über Jahrzehnte hinweg arbeitete Pului an dieser ukrainischen Bibel, ist es nicht verrückt?

00:09:49: Der selbe Mann der einmal so nahe an meiner Entdeckung heranreichen sollte gab einem ganzen Volk die Worte Gottes in der Muttersprache.

00:09:59: Doch die Wissenschaft packte ihn stärker als das Priesteramt.

00:10:02: Er gab die geistliche Laufbahn auf, studierte Physik, promovierte in Straßburg beim großen August-Kund.

00:10:11: Auf der Pariser Weltausstellung von und erntete er Anerkennung für ein hochpräzises Instrument mit dem sich Wärme in Arbeit umrechnen ließ.

00:10:20: und dann baute er seine eigene Röhre – Die Poulouillampe!

00:10:27: Und erforschte das was er kaltes Licht nannte.

00:10:31: Seine Röhren galten als die Feinsten, die man finden konnte.

00:10:35: Bis heute gibt es darum eine Debatte besonders in der Ukraine ob nicht Poulouis von allen der Entdeckung am allernächsten stand.

00:10:44: und ich kann ehrlich sein so wie ich ist immer mit euch bin.

00:10:48: Pouluis berühmte gestochen scharfe Aufnahmen veröffentlichte er erst nachdem die Welt von Würzburg sprach.

00:10:56: davor deutete er das Phänomen Aber das Können war echt, die Nähe war echt.

00:11:05: Er hielt eine der besten Röhren der Welt in den Händen ein Gottesfürchtiger hochbegabter Mann und er ahnte nicht wie nah er stand – ich stand neben ihm und ich

00:11:15: spieg.'.

00:11:18: Bleibt noch ein letztes Paar und mit ihm führt der Weg geradewegs an die Schwelle.

00:11:23: der große Nacht.

00:11:25: In Bonn forschte einer der ganz großen Heinrich Herz, der Mann, der die elektromagnetischen Welle sichtbar gemacht

00:11:31: hatte.".

00:11:33: Herz war überzeugt, dass auch die Kartonstrahlen nichts anderes seien als Wellen.

00:11:38: Ein Zittern im Äther!

00:12:00: gerade einmal, sechsunddreißig Jahre alt.

00:12:04: Ein Genie ausgelöscht mitten im Satz.

00:12:09: Sein Assistent nahm die Arbeit auf Philipp Lennart und Lennard gelangt die Meisterleistung an der Herz gescheitert war.

00:12:18: er baute ein winziges Fenster aus Aluminiumfolie nur wenige tausendstel Millimeter dünn in die Wand der Röhre das Lennadfenster.

00:12:27: Zum ersten Mal konnten die Kartonenstrahlen die Röhre verlassen und an die freie Luft treten.

00:12:33: Glennert galt fortan vielen als die führende Autorität für die Strahle aus dem Glas, und ich war da in seinem Labor.

00:12:42: Wann immer er seine Röhren anwarf, erzeugte ich vor seinen Augen erste Funken von mir selbst.

00:12:48: Er hielt eine Leuchtschirm vor sein Fenster- und der Schirmglüter auf Weite entfernt als seine geliebten Kartonestrahlen je hätten reichen dürfen.

00:12:57: So nah war er Aber er war fest überzeugt, dass sei nur ein bisschen mehr von seinen Kartonen strahlen die ein Stück weit durch die Luft fliegen.

00:13:06: Dass an seinem Fenster eine völlig neue Kraft entstand das kam ihm nicht in den Sinn.

00:13:11: Er legte das kleine Rätsel beiseite und wandte sich wichtigerem zu Merkt euch diesen Namen gut Wir werden ihn weder begegnen.

00:13:22: Seht euch diese Kette noch einmal an.

00:13:24: Crooks Goodspeed Jennings Birkeland Pului, Herz, Lennart.

00:13:36: Sieben kluge Köpfe – jeder Einzelne hielt den Schlüssel in der Hand.

00:13:40: Ich pulsierte in ihren Räumen ich beugte mich keine Magneten ich schwerzte ihre Platten und glühte auf in ihren Schirmen.

00:13:48: Ich war da bei jedem von ihnen Und doch war ihr Geist noch nicht frei genug für das Unvorstellbare.

00:13:55: sie sahen das Vertraute die Teilchen Die Wellen Den Fehler auf der Platte.

00:14:00: Sie sahen nicht das Neue.

00:14:03: Es brauchte einen anderen.

00:14:04: Einen, der nur dem glaubte was er mit eigenen Augen sah und der den Mut hatte das unmögliche so lange anzustarren bis es ihm die Wahrheit gestand.

00:14:15: Es ist November-Achzehnhundertfünfundundneunzig.

00:14:18: In einem unauffälligen Labor in Würzburg tritt ein fünftigjähriger Mann mit mächtigem Vollbad an einen Tisch.

00:14:25: Er zieht die schweren Vorhänge zu, er löscht die Lampen, erwickelt die dicke schwarze Pappe um seine Röhre bis kein Lichtstrahl mehr entweicht und er macht sich bereit, das nichts zu untersuchen.

00:14:37: Nun seid ihr bereit für den Abend an dem die Dunkelheit zu leuchten begann?

00:14:41: Dann reisen wir nach Würzburg!

00:14:47: Das war eine neue Folge von Glow in the Dark – Die Geschichte der Strahlung.

00:14:51: Konzept, Recherche und Sprecherin Dorina Petersen.

00:14:56: Es ist faszinierend und tragisch zugleich zu sehen wie dünn die Trennenlinie zwischen einem unbemerkt bleibenden Phänomen und einer weltverändernden Entdeckung sein kann.

00:15:07: William Crookes hatte die Strahlen in den Händen und blickte doch in eine andere Richtung.

00:15:12: Wenn euch dieser Folge gefallen hat, hinterlasst mir gerne eine Bewertung und abonniert dem Podcast!

00:15:19: Bis zum nächsten Mal – bleibt neugierig.

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