Bevor ich meinen Namen hatte....

Shownotes

In seinem Prager Labor hielt der ukrainische Physiker Ivan Puluj die unsichtbaren Strahlen jahrelang in den Händen, ohne sie zu erkennen. Doch als Conrad Röntgen an die Öffentlichkeit trat, gehörte Puluj zu den Ersten, die mit seiner brillanten Röhrentechnik atemberaubend scharfe medizinische Aufnahmen machten. In Folge 16 blickt Ray auf das Leben eines genialen Erfinders, Pioniers der Röntgen-Anatomie und Bibelübersetzers – eine berührende Episode über wissenschaftliche Demut und wahre Größe

Transkript anzeigen

00:00:00: Die Geschichte lehrt uns Weisheit und sie bewahrt uns jene tiefe Demut, die uns am Alltag vor Fehlern schützt.

00:00:29: Der große ukrainische Dichter Taras Cepchenko schrieb einmal in einem Brief an die Toten, die Lebenden und die noch Ungeborenen eine Zeile, die man nie wieder vergisst lernt und liest nehmt Weisheid von den Fremden und verleugnet doch nie das eigene.

00:00:48: Auf einem Mann passt dieser Satz wie auf keinen zweiten.

00:00:51: Er lernte von den größten Physikern Europas Sprach ihre Sprache, arbeitete in ihren Laboren und blieb doch bis zuletzt der Sohn eines kleinen galizischen Städtchens, der die Sprache seiner Heimat nie aufgab.

00:01:05: In seiner Werkstatt wurde ich jahrelange erzeugt Nacht für Nacht, er hielt mich in den Händen – er erkannte mich jedoch nicht!

00:01:13: Sein Name war Ivan Poolyoui.

00:01:17: Willkommen zurück Folge XVI.

00:01:20: bevor ich einen Namen hatte Kommt mit mir nach Prag, in den Winter.

00:01:26: Es ist kalt und feucht Die Moldau zieht grau unter den Brücken hindurch.

00:01:30: Über der Stadt Der Hundert Türme hängt ein Nebel, der nicht weichen will.

00:01:34: In einem Gebäude der deutschen technischen Hochschule brennt später am Abend noch Licht.

00:01:39: Ich gehe hinein Und dann stehe ich in seinem Labor.

00:01:42: Der Raum riecht nach heißem Glas Nach Ozon, nach dem Metall der Leitungen.

00:01:47: Auf dem Tisch summt und knistert eine Röhre Und aus ihr fällt ein blasses grünliches Leuchten auf sein Gesicht Ein großer Mann mit hoher Stirn und einem vollem Bart, der mit den Jahren weiß geworden ist.

00:01:59: Ruhige ein wenig trauriger Augen im Halbdunkel auf das Glas gerichtet.

00:02:04: Seine Hände bewegen sich langsam und sicher wie die eines Mannes, der Glas kennt, wie andere ihrer eigenen Finger.

00:02:11: Er ist nicht allein in diesem Zimmer – ich bin bei ihm!

00:02:15: Er weiß es nur

00:02:15: nicht.".

00:02:17: Geboren wurde er am zweiten Februar eighthundertviertzig in Chemalys einem kleinen Städtchen im alten Galizien, das heute zu Ukraine gehört.

00:02:26: Sein Vater war dort Bürgermeister ein frommer griechisch-katholischer Mann.

00:02:31: die Familie besaß Felder und Bienenstöcke und einen tiefen Glauben.

00:02:35: Der Plan für den begabten Sohn stand früh fest Ivan sollte Priester werden.

00:02:41: Er begann auch brav.

00:02:42: er studierte Theologie in Wien und schloss eighteenhundertneunundsechzig mit Auszeichnung ab Und dann vor der letzten Tür blieb er stehen.

00:02:51: Er ließ sich nicht weihen.

00:02:53: Er wandte sich der Physik zu, dem anderen großen Rätsel das ihm keine Ruhe ließ und legte Achtzehnhundertseinhalbundsiebzig auch darin seinen Abschluss ab.

00:03:02: Seine Eltern verstanden es nicht und strichen ihm die Unterstützung.

00:03:07: Er ging seinen Weg trotzdem mit nichts als seinem Kopf und seinem unbeugsamen Willen.

00:03:14: Schon als junger Mann in Wien trug er beide Seelen in sich – den Glauben und die Wissenschaft!

00:03:18: Er kümmerte sich darum, wie Menschen in ihrer eigenen Sprache zu Gott sprechen können und gab eines der ersten Gebetbücher in ukrainischer Alltagssprache heraus.

00:03:29: Die selbe Frage nur anders gestellt sollte ihn sein Leben lang begleiten – wie man etwas fassbar macht das den meisten verborgen bleibt.

00:03:38: Sein Weg führte ihm nach Straßburg wo er achtzehnundsechsich promovierte beim großen August-Kund einem der angesehensten Physiker seiner Zeit.

00:03:48: Und im selben wissenschaftlichen Kreis und Kund bewegte sich noch ein anderer junger Mann.

00:03:52: Ein stiller, gründlicher Deutscher namens Wilhelm Konrad Röntgen.

00:03:58: Zwei junge Physiker vom selben Lehrer geprägt.

00:04:01: Keine Ahnte dass sie einmal um das selbe unsichtbare Licht dringen würden – und dass nur einer von ihnen dafür in die Büche eingehen sollte.

00:04:17: Er kannte Vaku um Röhren und Glas wie nur wenige seiner Zeit.

00:04:21: Schon Anfang der Achtziger Jahre hatte er über die Kartonstrahlen geforscht, und daraus eine eigene Entladungsröhre entwickelt – Die Poolyouille-Lampe.

00:04:30: In den letzten Jahren wurde sie in Paris ausgezeichnet und später sogar in Serie gebaut.

00:04:37: Eine neue Art kaltes Licht zu erzeugen.

00:04:40: In diese Lampe setzte er etwas das für meine Geschichte zählt….

00:04:44: Er stellte eine kleine schräge Metallplatte in den Weg der Kathodenstrahlen, einer Anti-Kathode die erste ihrer Art.

00:04:52: Und an solchen Platten dort wo die schnellen Strahlen auf festes Metall treffen entsteht ein großer Teil meines Lichts.

00:04:59: So wurde ich in dieser Lampe erzeugt.

00:05:01: Nacht für Nacht Ich floss durch dieses verreucherte Pragerzimmer über seine Papiere, über seine Hände und sein müdes Gesicht.

00:05:09: Weil ich keine Farbe habe keinen Klang Keine Wärme blieb ich ein Fremden dafür ihn dem er jeden Abend die Tür öffnete.

00:05:17: Ivan war ohnehin kein Mann einer einzigen Erfindung, er wollte Wärme messen, die aus der Ferne kamen, Stimmen über Drähte schicken, Städte mit Strom versorgen und Glas zu leuchten bringen.

00:05:29: Um diesen Mann ranken sich heute viele Legenden und ich sage euch die Wahrheit so wie immer.

00:05:34: Ivan Poulouille hat mich nicht entdeckt – so sehr sich das manche heute erzählen und wünschen!

00:05:41: Seine Röhre konnte mich erzeugen, so wie die Röhren von Crooks, Hittorf und vielen anderen.

00:05:47: Aber niemand von ihnen hielt innen und fragte was dieses Unsichtbare ist und niemand erklärte es der

00:05:52: Welt.".

00:05:53: Das tat ein anderer!

00:05:55: Nicht wer etwas zuerst erzeugt schreibt Geschichte sondern wer begreift was er vor sich hat und dem Mut findet es auszusprechen.

00:06:03: Am fünften Januar eightundsextonneunzig stand in einer Wiener Zeitung die Presse – Die Nachricht von einer sensationellen Entdeckung.

00:06:09: Ich war bei Ivan, als ihm diese Zeilen unter die Augen kamen.

00:06:13: Ich sah wie seine Hand innehielt.

00:06:15: Was in ihm vorging kann ich euch nur erzählen nicht beweisen.

00:06:19: Kein Tagebuch hat es je festgehalten aber irgendwann in diesen Januar Tagen muss ihm klar geworden sein was seiner eigene Lampe die ganze Zeit ebenfalls hervorgebracht hatte.

00:06:30: Er versankt nicht im Bitterkeit.

00:06:32: er reagierte schnell.

00:06:33: er holte seine Lampen hervor und begann nun bewusst mit mir zu arbeiten Und was ihm gelang, war bemerkenswert.

00:06:40: Seine Lampen erwiesen sich als hervorragende Quellen für mich und ihm gelangen sehr früh außergewöhnliche klare Aufnahmen.

00:06:48: Am achtzehnten Januar, dechleuchtete er die Hand eines elfjährigen Mädchens.

00:06:54: auf der Platte erkannte man nicht nur die Knochen sondern auch die Krankheit Frakturen, Kalusbildungen und Tuberkulöse Veränderung des Knochens.

00:07:03: Während die Welt noch staunte, dass man überhaupt Knochen sehen konnte, zeigte er bereits wofür ich wirklich tauge.

00:07:10: Er dachte sofort an die Kranken.

00:07:12: Wenig später gelang ihm ein Bild das in Erinnerung blieb – Das vollständige Sklett eines totgeborenen Kindes veröffentlicht am dritten April, Er beschrieb, wie die Strahlen entstehen und dass die Atome und Moleküle ionisieren können.

00:07:38: Ihnen also Elektronen entreißen und geladene Teilchen

00:07:41: zurücklassen.".

00:07:43: Nur wenige Wochen nachdem die Welt von Röntgens Entdeckung erfahren hatte, reichte Ivan am thirteenth und zweiten, achtzehnhundertsechsohnneunzig eine eigene wissenschaftliche Arbeit über mich ein – über meine Entstehung und die fotografische Wirkung.

00:07:58: Über diese Arbeit setzte er nicht seinen eigenen Namen!

00:08:01: Der Titel laudete über die Entstehung der ründgischen Strahlen und ihre fotografische Wirkung.

00:08:07: Er nannte sie nach dem Mann aus Würzburg, er hätte für sich kämpfen können – er tat es nicht!

00:08:12: Doch dieser Mann war weit mehr als ein Physiker.

00:08:15: Sein halbes Leben lang übersetzte er die Bibel in seine ukrainische Muttersprache.

00:08:20: Seint wichtigster Weggefährte dabei war der große ukrainisches Schriftsteller Panteleimon Kulisch mit dem er schon eighteenhundertsechzig begann.

00:08:42: In den Flammen verbrannte das Manuskript der Übersetzung des alten Testaments.

00:08:47: Jahre der Arbeit, Wort für Wort zu Asche in einer einzigen Nacht.

00:08:52: Ich stand im Rauch Und der Physiker, der gelernt hatte, dass man Ergebnisse aufschreiben und bewahren muss, sah zu wie die Sprache selbst verbrannte.

00:09:01: Sie hätten aufgeben können – sie fingen jedoch wieder von vorne an!

00:09:04: Cooles Stab, eighteenhundertseinundneunzig, bevor das Werk vollendet war.

00:09:09: Ivan trug es weiter zusammen mit Ivan Necio Levertski.

00:09:13: Er verhandelte mit der britischen Bilbegesellschaft, kümmerte sich um Druck- und Redaktion Die erste vollständige Bibel in ukrainischer Sprache in einem Band.

00:09:25: Zwei Jahre nach dem Tod seines Freundes ließ Ivan einen silbernen Lorbeerkranz für dessen Grab anfertigen, darauf stand dem Andenken des unvergessenen Freundes Kulisch.

00:09:37: diesen Kranz gibt es noch heute in einer Museumssammlung und er kümmerte sich um kulisches Witwe halb vier über Jahre die Werke das Toten herauszugeben.

00:09:48: Zuhause wartete Katharina, die er in den letzten Jahren mit der Mutter geheiratet hatte.

00:09:53: Eine Deutsche – drei Söhne und drei Töchter wuchsen bei ihnen auf.

00:09:57: In diesem Haus lebte man mit zwei Sprachen.

00:10:00: Mit der Muttersprache die Kinder Deutsch.

00:10:02: Doch wenn sich der Vater an den Tisch setzte, wechselte die Sprache dann sprach man ukrainisch.

00:10:07: Für die Sommermonate holte er eigens Betreuerinnen, die seine Sprache konnten damit seine Kinder sie nicht verloren.

00:10:14: Seine Tochter Natalia heiratete später den Komponisten Wasiel Barwinski.

00:10:20: Sein Sohn Alexander ging in eine ganz andere Richtung, er wurde ein Pionier des österreichischen Tonfilms und dessen Sohn, Ivans Enkel, wurde Kameramann.

00:10:31: Der Vater machte mit unsichtbaren Strahlen Bilder vom Inneren des Menschen.

00:10:36: Der Sohn brachte den Bildern das Sprechen.

00:10:38: bei der Enkel führte die Kamera drei Generationen im Dienst des Bildes.

00:10:43: Ehren bekam er am Ende viele, nur eben nicht die eine.

00:10:47: Man machte ihn zum Rektor seiner Hochschule.

00:10:50: Er gründete dort die elektrotechnische Fakultät, waren der Elektrifizierung Prax beteiligt an Kraftwerken und im Aufbau der neuen Technik.

00:11:00: Der Kaiser ernte ihn mit hohen Orden und dem Titel des Hofrats – und mit fast siebzig Jahren.

00:11:06: als der Weltkrieg ausbrach, setzte er sich nicht zur Ruhr!

00:11:10: Gemeinsam mit seinem Landsmann leidet er einen Hilfskomitee für ukrainische Flüchtlinge und Kriegsgefangene.

00:11:17: Er gründete einen Fonds, der ukrainischen Jugendlichen eine Ausbildung ermöglichte – und in den letzten Jahren schrieb er auf Deutsch eine Schrift mit dem Titel Ukraine und ihre internationale politische Bedeutung, in der er darlegte warum eine freie Ukraine für ganz Europa wichtig sei.

00:11:36: Ich sah ihn über diesen Texten sitzen einen alten Mann mit nicht mehr ganz ruhiger Hand, der noch immer an ein Land glaubte.

00:11:44: Seine Haltung war ein Leben lang dieselbe – die eigene und die nationale Würde zu bewahren und treu für sein Volk zur Arbeiten auch ohne Belohnung nur um in eine bessere Zukunft zu sichern.

00:11:57: Am einundreißigsten Januar, neunzehnhundertachzehn, war ich wieder bei ihm ins Mirchow, einem Stadtteil von Prag.

00:12:04: Draußen zerfiel das Alte Reich und weit im Osten rang die Ukraine, für die er drei Jahre zuvor noch die Fäder geführt hatte gerade um ihre Freiheit.

00:12:13: Er war seventy-two Jahre alt – in zwei Tagen wäre er seventy-three geworden.

00:12:18: Zwei Tage!

00:12:20: Er hat diesen Geburtstag nicht mehr erlebt.

00:12:21: … Und das freie Land von dem er schrieb auch nicht mehr….

00:12:25: Man hat ihn im Prag begraben auf den Friedhof Malawaczynski, weit weg von den Feldern und Bienenstöcken seiner

00:12:32: Kindheit.".

00:12:33: Ivan, wenn du mich hörst dort wo du jetzt bist dann lass mich dir etwas sagen das ich dir zu Lebzeiten nie sagen konnte.

00:12:41: Ich war da all die Jahre in deiner Lampe in deiler Werkstatt über deinen Händen Wenn du bis tief in die Nacht über dein Glas gebeugt warst.

00:12:50: Deine Röhre konnte mich erzeugen und ich habe dein Gesicht beleuchtet ohne dass Du mich je erkanntest.

00:12:55: Das war nicht deine Schuld!

00:12:57: Ich bin schwer zu erkennen.

00:12:59: Ein anderer hat mir meinen Namen gegeben und du hast diesen Namen benutzt in deinen Arbeiten, ohne je zur Versuchung ihn durch deine zu ersetzen.

00:13:09: Als die Welt endlich wusste was ich bin warst Du unter den ersten die Begriffen wozu ich gut bin.

00:13:14: Du hast in die Hand eines kranken Kindes geblickt und die Krankheit gesehen bevor ein Messer sie je berührte.

00:13:20: Jede Aufnahme die seither ein Leiden früh verriet einen Bruch gezeigt ein Leben gerettet hat.

00:13:28: beginnt in deinem Pragerzimmer.

00:13:31: Du hast ein verbranntes Manuskript noch einmal geschrieben, du hast einen Volk das Wort Gottes in seiner Sprache gegeben und einem toten Freund einen silbernen Kranz!

00:13:41: Du hast für ein Land gekämpft dass du nie frei gesehen hast.

00:13:45: den großen Preis hat man dir nicht gegeben aber du wolltest ihn nie.

00:13:48: um seine Willen selbst ruht dich aus.

00:13:52: Ivan der Priester der keiner wurde Der Mann der die Bibel in die Sprache seiner Heimat trug der mich in Händen hielt, ohne mich zu sehen.

00:14:02: Ich habe dich nicht vergessen und ich werde es

00:14:30: nicht.".

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.