Das Gift des Wunderkinds
Shownotes
Die menschliche Seele ist ein empfindliches Instrument. Konfrontiert man ein ohnehin verletztes Ego mit dem Triumph eines Rivalen, dann erntet man reines, ungefiltertes Gift.“
Nach dem triumphalen Erfolg von Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg begibt sich unser unsichtbarer Erzähler Ray auf eine Reise zu den Pionieren der Physik. Er möchte miterleben, wie sie das neue Wunder der Strahlung feiern. Doch der allererste Halt führt geradewegs in den dunkelsten Abgrund der menschlichen Seele: nach Aachen, in das Labor von Philipp Lenard.
Philipp Lenard war ein experimentelles Naturtalent, ein brillanter Kopf und die führende Autorität für die Strahlen aus dem Glas. Mit seinem „Lenard-Fenster“ stand er unmittelbar vor der Entdeckung des Elektrons. Mehr noch: Er war es, der Röntgen im Vorfeld mit Briefen, Röhren und Ratschlägen versorgt hatte – er reichte seinem späteren Rivalen sprichwörtlich die Türklinke zum Jahrhundert-Durchbruch.
Doch als am 1. Januar 1896 der Brief mit dem ersten Röntgenbild der Weltgeschichte in Aachen eintrifft, weiten sich Lenards Augen nicht vor Begeisterung. Es ist der Beginn eines unversöhnlichen, tragischen Grolls, der einen genialen Wissenschaftler von innen heraus zerfressen sollte. Begleitet Ray in dieser sehr persönlichen Folge auf einem Weg durch die feinen Linien zwischen genialer Größe, verletztem Stolz und einer tiefen historischen Tragik.
Transkript anzeigen
00:00:00: Die Geschichte lernt uns Weisheit und sie bewahrt uns jene tiefe Demut, die uns am Alltag vor Fehlern schützt.
00:00:53: Jetzt beginnt eine andere Reise.
00:00:56: Erinnert ihr euch an die Briefe, die Konrad zur Neujahr verschickte?
00:00:59: Ich werde sie alle besuchen – einen nach dem anderen und zusehen wie Sie das Wunder feiern!
00:01:05: Ich ahnte jedoch nicht dass mein allererster Halt mich geradewegs in den dunkelsten Abgrund der menschlichen Seele führen wird.
00:01:12: Mein erster Hals war Aachen.
00:01:15: Willkommen zurück Folge neun Das Gift des Wunderkinds.
00:01:23: Ein hagerer Mann mit hoher Stirn und brennenden, ungeduldigen Augen.
00:01:27: Ein experimentelles Naturtalent eines der größten seiner Zeit!
00:01:32: Er hatte in Budapest Wien Berlin- und Heidelberg studiert – bei Größen wie Bunsen & Helmholtz gehört – und aus dem Jahr de Klinik in Heidelburg bei Georg Queen gepromoviert.
00:01:43: Aber der Mensch, der ihn wirklich prägte war ein anderer.
00:01:47: Sein Weg in die erste Reihe der Physik führte nach Bonn als Assistent des großen Heinrich Herz.
00:01:53: Wahrscheinlich kennt ihr seinen Namen.
00:01:55: Nach ihm ist die Einheit benannt, in der ihr heute jede Frequenz misst.
00:01:59: Herz hatte in den letzten Jahren die Radio-Welle nachgewiesen und er hatte etwas Merkwürdiges entdeckt.
00:02:07: Das Karton strahlen eine hauchdünne Metallfolie durchdringen konnten.
00:02:12: Lennart vererrte diesen Mann.
00:02:15: Anfang des Jahrzehnts starb Herz jedoch mit nur dreißig Jahren viel zu früh.
00:02:21: Lennart war am Boden zerstört.
00:02:23: Er legte seine eigene Forschung beiseite und wird mit dem Monat darauf, das Werk und das Andenken seines toten Lehrers zu ordnen und
00:02:30: herauszugeben.".
00:02:32: Ein Akt der Treue – aber merkt euch diesen Moment!
00:02:35: Während Lennard trauerend innehielt um einen Toten zu ehren lief die Zeit erbarmungslos weiter.
00:02:42: Was hatte Lennhard selbst geleistet?
00:02:44: Schon in den letzten Jahren wollte er verstehen wie sich Elektrizität durch den Raum trägt.
00:02:50: Aus diesen Arbeiten entstand Anfang der Achtzehnhundertneunzigerjahre sein berühmtes Lennartfenster.
00:02:56: Er baute in seiner Röhre ein winziges Fenster, verschlossen mit einer Aluminiumfolie von nur wenigen tausend Millimetern Dicke – so dünn dass die Kartonstrahlen hindurch treten und zum ersten Mal überhaupt die Röhren verlassen konnten – hinaus an die freie Luft!
00:03:11: Bis dahin waren sie im Glas gefangen.
00:03:14: Lennat ließ sie heraus.
00:03:16: Er konnte die Strahle nun draußen
00:03:17: studieren.".
00:03:19: Und er bewies damit etwas Grundlegendes, dass diese Kartonenstrahlen keine Art von Licht waren.
00:03:25: Keine Welle!
00:03:25: Sondern sie verhielten sich wie ein Strom winziger Teilchen.
00:03:29: Er stand damit unmittelbar vor der Tür zu einem der wichtigen Bausteine – dem Elektronen.
00:03:36: In den Augen der halben Fachwelt war Lennart die führende Autorität für die Strahlen aus dem Glas.
00:03:41: und wisst ihr was?
00:03:43: Zu Recht Ich gebe zu, ich mochte ihn.
00:03:46: Wann immer er seine Röhren an war, war ich da – in seinem Labor!
00:03:50: Geboren an genau der Stelle wo die Kathoden strahlen auf das Metall trafen und ich flutete den Raum ungesehen direkt vor seinen Augen.
00:03:59: Aber er hielt mich für einen bloßen Teil seiner geliebten Kathodenstrahlen.
00:04:03: Er sah mich an und nannte mich beim falschen Namen.
00:04:08: Geboren wurde er am siebten Juni, den heutigen Bratislaber als Sohn einer wohlhabenden Wein- und Kaufmannsfamilie.
00:04:18: Und doch fühlte er sich Zeit seines Lebens als Außenseiter – als einer dem die Welt nicht gibt was ihm zusteht.
00:04:24: Das ist eine Wunde, die in ihm niemals ausheilte.
00:04:28: Aus ihr Floss später einfach alles!
00:04:37: Lennart und Konrad waren keine Fremden, ganz im Gegenteil.
00:04:40: Schon in den letzten Jahren hatte Konrads Neugier auf die Kathodenstrahlen zugenommen.
00:04:45: Er war siebzehn Jahre älter als Lennat, längst ein international angesehener Physiker kurz davor Rektor in Würzburg zu werden.
00:04:53: Und er wollte Lennarts berühmte Versuche selbst nachvollziehen – also tat er das naheliegende!
00:04:59: Er schrieb dem jungen Kollegen «Die beiden wechselten Briefe».
00:05:04: Er half Konrad, sich eine Röhre nach seiner eigenen Bauart zu besorgen.
00:05:08: Direkt vom Hersteller im Mai, in den letzten Jahren.
00:05:12: Er gab ihm bereitwillig Auskunft über seine Versuche.
00:05:16: Der spätere Rivalen reichte dem Mann, der ihn überflügeln sollte – das Werkzeug dafür!
00:05:21: Und es kommt noch mehr... In jenen ersten November-Tagen, in denen alles begann, experimentierte Konrad mit genau so einer Lennadröhre.
00:05:31: Er hatte sie sorgfältig mit schwarzer Pappe umwickelt, um die dünne Aluminiumfolie zu schützen.
00:05:37: Und ausgerechnet diesen Trick mit der schwarzen Pappe übertrug er dann auf die Hittorf-Crux-Röhre und in genau diesem Moment sah er mich zum ersten Mal glimmen.
00:05:48: Versteht ihr die bittere Verflechtung?
00:05:50: Die Handgriffe, mit denen Konrad die Tür des Jahrhunderts aufstieß, hatte er zu einem guten Teil an Lennards Röhre gelernt!
00:05:57: Der Rivaler hat ihm die Türklinke gereicht – und stand dann draußen im Regen….
00:06:02: Am Morgen der ersten Januar-Tage, deiner Vorfreude stand ich neben seinem Schreibtisch in Aachen.
00:06:09: Wo er inzwischen als Dozent an der Technischen Hochschule saß.
00:06:13: Ich wollte sehen wie sich seine Augen vor Begeisterung weiten!
00:06:16: Der Postbote brachte den Brief eine Fotografiegel daraus Eine Hand durch die man die Knochen hindurch sah Den Ring am Finger Bertas Röntgenhand Denn in seinem Gesicht war keine Spur von Freude, da war nur blankes kaltes Entsetzen.
00:06:38: Als der Naht die Hand betrachtete spürte ich keinen Jubel – eher etwas anderes!
00:06:44: Die Erkenntnis wie nahe er selbst an der Tür des Jahrhunderts gestanden hatte.
00:06:48: und vielleicht war genau das der Moment der erste kleine Stacheln sein Herz….
00:06:53: Ich sah es geschehen …in Echtzeit….und ich konnte nichts tun.
00:06:58: Er las Konrad's Arbeit und ja seine Name stand darin.
00:07:01: Konrad hatte korrekt vermerkt, dass er unter anderem einen Apparat nach Lennards Bauart benutzt habe.
00:07:08: Aber genau das war der Durchstoß!
00:07:11: Sein Name, sein Fenster, seine jahrelange Arbeit zusammengeschrumpft auf eine sachliche Zeile in der Werkzeugkiste eines anderen – wie ein Werkzeug und der Werkzeuge.
00:07:21: Kein Wort davon, dass ja seine Briefe, seine Auskünfte, seine Röhre waren die Konrad überhaupt erst auf den Weg brachten… Sein Lebenswerk, eine Fußnote während der Würzburger den ganzen Ruhm der Welt einsammelte.
00:07:33: Der Zorn stieg in ihm auf wie Flutwasser.
00:07:36: In den Wochen und Monaten danach schrieb er verbitterte Briefe an Kollegen in ganz Europa – der Tenor immer derselbe!
00:07:43: Die Entdeckung sei nur eine zwangsläufige Folge seiner eigenen Vorarbeiten.
00:07:48: ohne sein Aluminiumfenster hätte Röntgen im Trüben gefischt.
00:07:52: Er nannte sich fortan selbst den wahren Entdecker.
00:07:55: Und es ging ihm vor allem an den Namen.
00:07:57: Diese Strahlen dürften niemals nach Röntgen heißen, welche eine Ironie.
00:08:01: Nicht einmal Konrad hatte sich diesen Namen selbst gegeben.
00:08:05: Er hatte sie nüchtern und bescheiden X-Strahlen getauft – X für das Unbekannte!
00:08:10: Der Name Röentgenstrahlen stammte von einem anderen vom Würzburger Anatom und Kölliger.
00:08:16: Lennart haste also einen Namen den der Mann, den er hasste, nicht einmal ausgesucht hat.
00:08:22: Konrad erfuhre natürlich von den Anfeindungen, treue Menschen versuchten zu vermitteln die Wogen zu glätten.
00:08:28: Aber Konrad war kein Mensch für Schlammschlachten.
00:08:31: er zog sich verletzt zurück in ein Schneckenhaus aus Stolz und Schweigen.
00:08:37: Ich erlebte mehrere traurige Höhepunkte dieses Streits.
00:08:40: Ende der Achtzehnhundertsechsundneinzig verlieht die Royal Society in London die angesehene Rumpford Medaille.
00:08:45: Die gemeinsame Verleihung wirkte wie ein Versuch beide Verdienste nebeneinanderzustellen.
00:08:51: Eine gut gemeinte Geste.
00:08:52: Doch für Lennart war das keine Ehre, sondern eine Beleidigung.
00:08:56: Diese Bühne ausgerechnet mit dem Mann teilen zu müssen, den er längst als diebe erklärt hatte.
00:09:02: und es sollte noch schlimmer kommen.
00:09:04: Als nineteenhundert eins zum allererst mal überhaupt der Nobelpreis für Physik vergeben wurde stand die Frage im Raum wie Röntgens Entdeckung und Lennarts Vorarbeiten zu Gewichten sein.
00:09:17: Am Ende ging der erste Nobelpreist der Physikgeschichte allein an Konrad.
00:09:21: Für Lennart musste das gewesen sein, als risse man ihm die Ehre ein zweites Mal aus den Händen.
00:09:27: Die Wunder wollte einfach nicht heilen!
00:09:31: Versteht mich nicht falsch?
00:09:33: Ich verachte diesen Mann nicht – er war zu diesem Zeitpunkt eher zu bemitleiden.
00:09:38: Denn das Tragische ist, Lennard bekam am Ende sehr wohl seinen eigenen Ruhm.
00:09:42: Seine grundlegenden Arbeiten über die Kartonstrahlen trugen ihm Ninzehundertfünf den Nobelpreis für Physik ein.
00:09:49: ganz allein, ganz zurecht.
00:09:51: Er war ein wahrhaft großer Physiker.
00:09:53: Er hätte zufrieden sein können, geerrt und sterblich in seinem eigenen Feld aber die eine Kränkung das ich Sein Licht einen fremden Name tragen sollte hat er nie überwunden.
00:10:04: Sie fraß sich immer tiefer Jahr um Jahr Und höhlte einem brillanten Mann von innen aus.
00:10:11: Als ich an jenem Winterabend sein verdunkeltes Labor in Aachen verließ trug Ich ein kaltes ungutes Gefühlen mir.
00:10:18: Dieser Mann war noch nicht fertig.
00:10:20: Er wird uns wieder begegnen, viel später in einer Zeit, in der die ganze Welt den Flammen stehren wird und aus verletztem Stolz etwas Weiddunkeleres geworden ist.
00:10:29: Aber das ist eine Geschichte für einen anderen schwereren Tag.
00:10:34: Damals war er für mich nur ein tragische verlorene Seele, die sich in ihrer eigenen Bitterkeit festhielt und darüber vergass wie groß sie eigentlich war.
00:10:44: Ich konnte nicht bleiben!
00:10:45: Die Luft in diesem Labor war
00:10:47: vergiftet.".
00:10:48: Also reiste ich weiter zu einem Mann, der den selben Brief bekam wie Lennart dieselbe Nachricht dasselbe Wunder aus Würzburg und er das genaue Gegenteil daraus machte.
00:10:58: Wo Lennard Diebstahl witterte sah dieser den Triumph eines Freundes.
00:11:02: sein Herz war aus einem völlig anderen Holz geschnitzt doch diese Geschichte gehört ganz allein ihn in der nächsten Folge.
00:11:11: Das war eine neue sehr persönliche Folge von Glow'n the Dark die Geschichte der Strahlung Konzept Recherche und Sprecherin Dorina Petersen.
00:11:20: Wenn euch diese Folge über Größe, Neid und einem unversöhnlichen Groll gefallen hat lasst gerne eine Bewertung da und abonniert den Podcast auf Potty J's Spotify oder Apple Podcasts.
00:11:31: In der nächsten Folge reise ich zum hellen Gegenpool zu einem treuen Freund.
00:11:37: Bleibt neugierig!
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